Amal Al-Jubouri (*1967) ist eine irakische Dichterin, Journalistin, Übersetzerin, Filmemacherin, Wissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin. Ihr Werk reflektiert die verflochtenen Erfahrungen von Angst, Exil, Kriegstrauma sowie die anhaltende Widerstandskraft des menschlichen Geistes. Obwohl sie vornehmlich auf Arabisch schreibt—der Sprache, die sie als am engsten mit ihrer Vision und Imagination verbunden betrachtet—wurden ihre Werke in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Darüber hinaus schreibt sie auch auf Englisch und positioniert sich damit als translinguale Stimme innerhalb der zeitgenössischen Weltliteratur. Al-Jubouri gilt weithin als eine der führenden irakischen Stimmen in der Diaspora-, Kriegs- und Widerstandsliteratur. Sie ist eine vielfach ausgezeichnete Dichterin; ihr Gedichtband 99 Veils wurde 2003 vom Arab Cultural Club in Paris mit dem Preis für das beste arabische Lyrikbuch ausgezeichnet, neben weiteren literarischen Ehrungen.
Frühes Leben und Ausbildung
Geboren in Bagdad, wuchs Al-Jubouri während des Iran–Irak-Krieges (1980–1988) auf, gefolgt vom Golfkrieg 1991—zwei prägende historische Ereignisse, die ihr intellektuelles und poetisches Empfinden tiefgreifend beeinflussten. Sie studierte Anglistik an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Bagdad, wo sie sich aktiv in literarischen und journalistischen Kreisen engagierte.
Ihre frühen Erfahrungen unter der autoritären Herrschaft der Baʿth-Partei, einschließlich Zensur und politischer Repression, hinterließen einen nachhaltigen Eindruck in ihrem Schreiben. Sie wurde vom Regime verhört, nachdem ein Dichterkollege sie der Diffamierung von Präsident Saddam Hussein beschuldigt hatte—eine Anschuldigung, die zu jener Zeit als schweres politisches Vergehen gelten konnte. Diese Erfahrung schildert sie in ihrem autobiografischen Werk You Killed Sibawayh, Then Revived Me, während ihre umfassendere Lebensgeschichte Gegenstand unveröffentlichter Memoiren ist.
Al-Jubouri veröffentlichte ihren ersten Gedichtband in Bagdad im Alter von neunzehn Jahren. Ihre zweite Sammlung, Liberate Me, O Words (Amman, 1994), wurde vom renommierten Kritiker Jabra Ibrahim Jabra gewürdigt, der ihre poetische Stimme mit der von Emily Dickinson und Emily Brontë verglich.
Exil und literarische Laufbahn
Aufgrund politischer Umstände verließ Al-Jubouri Ende der 1990er Jahre den Irak und ließ sich in Deutschland nieder, wo das Exil zu einem zentralen Motiv ihres Werkes wurde—sowohl als Ort des Verlustes als auch als Raum kreativer Erneuerung.
Zwischen 2000 und 2009 gründete und leitete sie die zweisprachige (Arabisch–Deutsch) Kulturzeitschrift Diwan, die sich der Poesie und zeitgenössischen Kunst widmete und den Dialog zwischen arabischen und deutschen literarischen Sphären förderte. Von 2000 bis 2011 war sie als Kulturberaterin an der jemenitischen Botschaft in Deutschland tätig, wo sie eine Schlüsselrolle bei der Förderung des interkulturellen Austauschs spielte.
Im Jahr 2000 organisierte sie das erste deutsch-arabische Poesiefestival im Jemen, an dem über einhundert Dichterinnen und Dichter aus der arabischen Welt und dem deutschsprachigen Raum teilnahmen. 2002 folgte ein bedeutender deutsch-arabischer Kulturdialog mit prominenten literarischen Persönlichkeiten, darunter der Nobelpreisträger Günter Grass sowie führende arabische Dichter wie Adonis und Mahmoud Darwish. Diese Initiativen mündeten 2004 in die erste deutsch-arabische Konferenz zum Roman im Jemen.
Al-Jubouri verließ ihre diplomatische Tätigkeit im Jahr 2011 während des jemenitischen Aufstands, der zur Absetzung von Präsident Ali Abdullah Saleh führte. Anschließend zog sie in das Vereinigte Königreich, wo sie weiterführende akademische Studien an der School of Oriental and African Studies (SOAS), University of London, aufnahm.
Nach der Invasion des Irak im Jahr 2003 kehrte sie kurzzeitig nach Bagdad zurück und gehörte zu den ersten im Exil lebenden Schriftstellerinnen, die dies taten. Sie dokumentierte die kulturelle Zerstörung des Irak in ihrem Dokumentarfilm From Berlin to Baghdad. Darüber hinaus restaurierte sie zwei traditionelle Bagdader Häuser, von denen eines in das erste irakisch-deutsche Kulturzentrum im Irak nach 2003 umgewandelt wurde, während das andere zur Gründung einer deutschen Schule für Waisenmädchen diente. Beide Einrichtungen wurden 2009 geplündert und 2010 geschlossen.
Zu ihren weiteren Initiativen zählen die Gründung des irakischen PEN-Clubs sowie die digitale Plattform Soutuna TV, die sich dem Bürgerjournalismus und dem kulturellen Dialog widmet.
Themen und Stil
Die Dichtung Al-Jubouris zeichnet sich durch lyrische Intensität, emotionale Klarheit und politisches Bewusstsein aus. Ihr Werk setzt sich intensiv mit Themen wie Vertreibung, Erinnerung, Krieg, Frauenrechten und der Sehnsucht nach Heimat auseinander. Stilistisch verbindet sie persönliche Reflexion mit kollektiver Geschichte und stellt häufig Bilder von Zerstörung und Schönheit—Ruinen und Gärten, Schweigen und Stimme—einander gegenüber, wodurch eine dynamische Spannung zwischen Verzweiflung und Hoffnung entsteht.
Ihr Schreiben ist von einem ausgeprägten ethischen und humanitären Engagement geprägt und verleiht marginalisierten Gruppen sowie Opfern von Gewalt eine Stimme.
Menschenrechtsengagement
Neben ihrer literarischen Tätigkeit engagiert sich Al-Jubouri aktiv im Bereich des kulturellen Dialogs und der Menschenrechte. Sie hat an zahlreichen internationalen Festivals, Konferenzen und akademischen Foren teilgenommen und setzt sich für Meinungsfreiheit sowie die Stärkung der Rolle der Frau ein. In ihren Essays und öffentlichen Beiträgen thematisiert sie die langfristigen Folgen des Krieges im Irak sowie die Herausforderungen, mit denen Flüchtlinge und Vertriebene konfrontiert sind.
Vermächtnis und Einfluss
Amal Al-Jubouri gilt als eine bedeutende Persönlichkeit der zeitgenössischen arabischen Literatur, insbesondere im Kontext der Diasporaliteratur. Ihr Werk trägt zu einer umfassenderen intellektuellen und künstlerischen Tradition bei, die Kulturen, Sprachen und historische Erfahrungen miteinander verbindet und zugleich die Erinnerung an die Heimat im Angesicht von Vertreibung bewahrt.
Dr. Amal Al-Jubouri | SOAS, University of London